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VOM SUCHEN UND FINDEN IN DER WÜSTE

von Jürgen Kisters


„Reisen heißt, leben lernen“.
(Tuareg-Sprichwort)

„... alles hinter sich zu lassen,
wie ein Wüstentaucher auf dem Weg zum Vergessen ...“.
(Per Petterson)

„Und weil einem in der Wüste nichts gehört,
gehört einem alles“.
(Otl Aicher)


Die meisten Menschen in Deutschland werden nicht mit Sand in den Augen geboren. Und dort, wo sie aufwachsen, sind die Gegenden nie wirklich weit, still und unberührt. Auch nicht in der Heide, in den Bergen oder an der See. Meist sind es nur ein paar Kilometer bis zur nächsten Stadt, und überall durchschneiden Asphaltstraßen und Stromleitungen das Land. Elftausend Kilometer Autobahn verkörpern in Deutschland das Gefühl von Weite, und das ist mehr als lächerlich.

Manchmal sagen die Menschen allerdings, dass es in Deutschland zu viele Betonwüsten gibt, und sie meinen damit genau diese Asphaltstraßen, riesigen Parkplätze und hohen Häuserfassaden, die in ihrer Tristheit allesamt zum Ausdruck bringen, wie sehr sich die Natur unter den Händen des modernen Menschen verändert hat. Es ist kein Wunder, dass es die Menschen aus solchen Gegenden an andere Orte zieht. Dorthin, wo die Welt vom Menschen größtenteils unberührt ist, und die Erde aussieht wie vor Tausenden von Jahren schon. Dorthin, wo das Gefühl für die Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft nicht mit dieser entsetzlichen Zerrissenheit verbunden ist, die in den Ländern der westlichen Konsumkultur jeden Schritt begleitet. In die Wüste zum Beispiel, wo Sand in die Augen fliegt, und der Blick dennoch so weit und klar ist wie der Atem des Universums.

Als Jutta Vogel zum ersten Mal in die Wüste reiste, geschah das vor allem aus Neugier. Sie hatte sich einer Reisegruppe angeschlossen, und nur soviel über die Wüste gewusst wie alle, die den legendären Spielfilm „Lawrence von Arabien“ gesehen haben, den David Lean nach dem Roman „Die sieben Säulen der Weisheit“ von Thomas Edward Lawrence 1962 in die Kinos brachte. Sie hatte in Magazinen phantastische Fotos von den weiten Sandgegenden der Sahara und den Kamel-Karawanen der Tuareg gesehen. Und sie hatte den bezaubernden Klang von Städtenamen wie Timbuktu oder Sansibar im Ohr. Ein paar solche Hinweise reichen, um die Phantasie zu beflügeln und eine Gegend zum Ort der Sehnsucht zu machen. Tatsächlich hatte Jutta Vogel erst gewusst, wie sehr diese Sehnsucht in ihr steckte, als sie zum ersten Mal dort war. Kurz nach Sonnenaufgang war sie über ein weit ausgedehntes Felsplateau spaziert, und die Grenzenlosigkeit der Erde, der unendliche Himmel und die Stille hatten sie fassungslos gemacht. Sie hatte das Gefühl, in die Endlosigkeit hineinzugehen. Mit dem ersten Blick hatte sie es gespürt, und mit jedem weiteren war ihr klar geworden, dass sie mit der Wüste das Element gefunden hatte, das sie immer gesucht hatte. Sie hatte es nicht bewusst gesucht. Und doch hatte sie sich bisweilen gefragt, warum es sie seit jeher fortwährend nach draußen zog, und sie in jeder freien Minute lieber auf Reisen geht als zu Hause in ihrer Wohnung zu sein. Sie war gerade einmal vier oder fünf Jahre alt, als sie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg von ihren Eltern ganz allein mit einer Kindergruppe in ein Ferienlager geschickt wurde. Viele der anderen Kinder, mit denen sie in dieser Zeit zusammen war, litten darunter, von zu Hause fort zu sein. Sie dagegen fühlte sich sehr wohl in der Fremde. Ihr gefiel die Fahrt mit der Eisenbahn, das Kennenlernen einer neuen Umgebung, die Wanderungen und Spiele im Gelände, und auch das Miteinander mit den anderen Kindern, die sie zuvor nicht gekannt hatte, gefiel ihr. In den folgenden Jahren war sie mit ihren Eltern regelmäßig in den Ferien auf Reisen gewesen. Von Wuppertal, wo sie wohnten, waren sie mit dem Auto in verschiedene Gegenden Deutschlands und nach Österreich gefahren, und während dieser Reisen hatte sie sich immer sehr gut und frei gefühlt. Auch während ihres Berufslebens als Büroangestellte und spätere Marketing-Managerin bei einem großen Gerätehersteller war sie während ihrer Urlaube grundsätzlich gereist. „Ich habe immer Fernweh gehabt“, sagt Jutta Vogel. Warum sie allerdings erst die halbe Welt bereisen musste, bevor sie im Alter von fast sechzig Jahren endlich die nordafrikanische Wüste für sich entdeckte, versteht sie selber nicht genau. Tatsächlich versteht man die weitaus meisten Dinge, die den Kern der eigenen Person berühren, nicht wirklich genau. Abgesehen davon, dass es überhaupt schwer ist, sich selber zu kennen. Mit dem ersten Schritt in die Wüste Nordafrikas hatte sie jedenfalls das Empfinden, sich selber näher zu kommen als je zuvor in ihrem Leben. „Die Wüste besänftigt mich“, sagt sie, „und sie gibt mir ein Gefühl für das Gewicht des Lebens und der Welt“. Und dabei hat sie das namenlose Gefühl, als habe sie diese Landschaft immer schon in sich getragen. Inzwischen ist sie dutzende Male in der Wüste gewesen.

In der Sahara, um genau zu sein. Denn auch die Wüste ist nicht immer gleich, und eben diese Annahme ist eines der hartnäckigsten Vorurteile über die Wüste. Die Wüste ist ein hochkompliziertes Territorium mit vielen Unterschieden und Feinheiten, die allerdings nicht sofort ins Auge treten, es sei denn, es handelt sich um die markante Form eines gigantischen Felsens, ein Feld voller Steine, die wellige Linie eines langgestreckten Sandhügels oder das verdorrte Gerippe einer Akazie, die verloren inmitten der grenzenlosen Sandfläche steht. So muss es dort schon in Urzeiten ausgesehen haben. Damals, am Anfang der Welt. Das hat Jutta Vogel mehr als einmal voller Erstaunen gedacht, während ihr bewusst wurde, dass sich die Erde nicht überall so rasant und grundlegend verändert hat wie in den Ländern des abendländischen Westens. Allein die Hitze und Kälte, Wind und Sonne haben diese Landschaften geformt, und die wenigen Nomaden, die im Laufe der Jahrhunderte durch diese Landschaft zogen, haben nichts daran verändert. Die Menschen, die in der Wüste leben, haben ein anderes Verhältnis zur Erde, und auch dafür ist Jutta Vogel von Anfang an voller Bewunderung gewesen. Schon während ihrer dritten Reise nach Nordafrika, hatte sie die Bekanntschaft mit einem Tuareg gemacht, Azizi, der seitdem ihr Führer ist. Er leitet sie in zielsicherer Absichtslosigkeit durch die Wüste. Er weiß genau, auf welchen Pfaden man die Wüste am besten durchquert. Er weiß, wo man ein sicheres Lager aufschlägt. Und er weiß, wo die Sonne am Morgen aufgeht und die Formen der Felsen die schönsten Schatten in den Sand zeichnen. Immer schlafen Jutta Vogel und ihr Tuareg-Führer unter freiem Himmel. Der Anfang ihres Tages beginnt bereits mit dem ersten Licht. Ohne Frühstück verlässt Jutta Vogel schon früh am Morgen das Lager. Sie geht allein, ohne einen bestimmten Plan, nach dem Gesetz eines intuitiven Gehens in die scheinbar grenzenlose Offenheit der Wüste hinein. In der Regel sind es lange Spaziergänge, obwohl sie nicht sagen könnte, ob sie einen, vier oder sechs Kilometer zurücklegt. In der Wüste fühlen sich die Entfernungen anders als überall sonst an, wo sie je gewesen ist. Und auch ihr Gefühl für (die) Zeit ist ein anderes. Die Unruhe, die sie sonst in Deutschland häufig verspürt, ist zu ihrem eigenen Erstaunen völlig verschwunden. Sie fühlt sich ruhig in der unbegrenzten Weite und vor allem durch nichts abgelenkt. Dort, in der Wüste, interessiert nicht, was in der großen Welt vor sich geht. Dort gibt es keinen Nachrichteninformationsschluckzwang, keinen Lärm und keine Hektik. Die einzige Aufregung ist die der Landschaft selber, der Wechsel von Tag und Nacht, Sonne und Schatten, Sturm und Windstille. Das Geheimnis des Windes, der die Dünen vor sich hertreibt und ihnen die seltsamsten Formen mit den präzisesten Linien verleiht. Das Rätsel eines Grasbüschels, der von nirgendwo kam und im überhitzten Sand wächst, zerstörbar und zäh zugleich. Die Schwere im Seelischen fliegt mit den Sandkörnern davon.

Das Empfinden ist von einer elementaren Klarheit. Wie das gelbrote Leuchten in der heiligen Stunde am Abend, wenn die Dünen und der Himmel von der untergehenden Sonne in Glut getaucht werden und ihre Farben verschmelzen. Und wie der Glanz des Mondes und der Sterne in der klaren Nacht. In diesen Momenten ist Jutta Vogel ganz bei sich selber. Sie fühlt die Wärme, den weichen oder scharfen Wind. Sie spürt den Sand unter ihren Füßen und dass der Weg, auf dem sie geht, erst mit ihren eigenen Schritten entsteht und nie zuvor von jemandem betreten wurde. Sie richtet die Augen in die Ferne. Sie blickt auf die Erde, die mit Steinen übersät ist und auf die riesigen, furchigen Felsen, die wie Wächter der Ewigkeit dastehen. Zweihundert Meter oder zwei Kilometer, ein paar Sekunden oder ein paar tausend Jahre entfernt. Manchmal denkt sie, dass dort „äußerlich“ überhaupt nichts passiert, während tatsächlich „innerlich“ alles passiert. Wie überrascht war Jutta Vogel bei ihrer ersten Reise darüber, dass der größte Teil der Wüste nicht bloß aus feinem gelben Sand, sondern aus kargem steinigen Gelände besteht. Seltsamerweise hat sie die Kargheit der steinigen Landschaft nie beunruhigt. Allenfalls erschreckt ist sie in manchen Augenblicken. Sie sieht vor allem die urzeitliche Schönheit darin. Und den Ausdruck einer geheimnisvollen Struktur, in der sich der „Geist“ des Universums mitten auf der Erde spiegelt. Obwohl sie die Wüstenfelder längst unzählige Male gesehen hat, kann sie sich nicht satt daran sehen. Ebenso geht es ihr mit den gewaltigen Felsformationen, dem Zusammenspiel von Licht und Schatten und den verdorrten Akazienbäumen. Unzählige Male hat sie diese Eindrücke bereits in Fotografien festgehalten. Und sie wird nicht müde, weitere Aufnahmen davon zu machen, als ob ihre Blicke erst dann zu einer Gewissheit würden, wenn sie sie fotografiert. Fotografiert hat Jutta Vogel schon immer. Auf allen Reisen, die sie seit dem Jugendalter unternommen hatte, waren Fotos entstanden, spontane Schnappschüsse, Erinnerungshilfen, Aufnahmen ohne ein bestimmtes bildliches Konzept. Mit der Entdeckung ihrer Liebe zur Wüste hatte sie für sich allerdings die Fotografie neu entdeckt. Zum Prinzip des Schnappschusses, mit dem sie seit jeher ganz spontan auf die momenthafte Faszination von Beobachtungen reagiert, ist seitdem die Form des bewusst komponierten Fotos hinzugekommen. Es ist, als hätte die Konzentration des Blickes in der Wüste auch zu einer Konzentration ihres fotografischen Blickes geführt. Der Blick auf die scheinbar unendlichen feinen, welligen Strukturen im Sand macht einfach notwendig, den Bildausschnitt sorgfältig zu wählen. Die Kamera ein kleines Stück mehr nach rechts oder links, nach oben oder unten gehalten, verändert alles. So lernt sie in der Wüste durch das Fotografieren einiges über die Entsprechung von Naturprozessen und ästhetischen Prozessen, über Harmonie und Brüche, das Gleichgewicht der Farben und Formen, die Unscheinbarkeit und die Präsenz von Einzelheiten. Das Fotografieren hilft Jutta Vogel beim Schauen in der Wüste. Der Blick durch die Kamera, die eine ganz einfache ist, fordert sie zu größerer Genauigkeit und zum zweiten Blick. Er sorgt dafür, die Augen auf etwas zu konzentrieren, das sonst vielleicht nur ein flüchtiges Aha geblieben wäre. Er schärft den Sinn für das Wechselspiel von Nah- und Fernsicht, Mikro- und Makrostrukturen, Kleinigkeiten und der großen Weite. Wie stehen die Felsen zur Ebene? Was passiert am Rand des Schattens? Warum berühren die sanft welligen Sandhügel unweigerlich die Phantasie des menschlichen Körpers? Wie undurchsichtig und fein erscheinen die rissigen Spuren in der steinigen Oberfläche! Und folgt die Lage der verstreuten Steine möglicherweise einem höheren Sinn? Die scheinbar endlos gleiche Wüste ist voller Schönheiten und Zeichen, Einzelheiten und Unterschieden und Dingen, die für die dort lebenden Menschen lebensnotwendig sind. Immer mehr lernt Jutta Vogel diese Kleinigkeiten erkennen, mit jeder Reise ein paar mehr. Allmählich differenziert sich ihr Blick, während sie weiß, dass sie in der Wüste immer noch eine Anfängerin ist. Darin ist sie bezaubert und neugierig wie von Beginn an. Für kurze Momente kommt es ihr manchmal sogar so vor, als könne sie in der Wüste noch einmal zum Beginn ihres Lebens zurückkehren, in jene Kindertage, als die Welt schon einmal unendlich weit und offen und grenzenlos erschien.

Zugleich ist die Wüste für sie ein Ort des Erinnerns, ähnlich einem Traum, in dem Bekanntes und Unbekanntes, Licht und Schatten, die Realität der Sonne und die einer Fata Morgana einander durchdringen. Lange vergessene Erinnerungen kommen ihr in den Sinn, und es gelingt ihr, Gedanken zu denken, die sie nie zuvor gedacht hat. Die Fotos bilden für Jutta Vogel dabei so etwas wie eine Art visuelles Tagebuch, während sie außerdem jeden Tag einige Notizen schreibt. In der Wüstenweite wächst ihr Verlangen des Gespräches mit sich selber, in dem Schweigen und Reden nicht voneinander zu unterscheiden sind. „In der Wüste lerne ich mich besser kennen als je zuvor.

Und immer komme ich als eine andere zurück“, sagt sie. Einmal schrieb sie in Abwandlung eines Jahrhunderte alten Tuareg-Gedichtes auf eine leere Seite des Buches, in dem sie gerade las: „Die wilden Tiere der Wüste spielen für mich in der Nacht die Geige. Auch ich trage ihnen Verse vor, und sie hören mir zu. Seit langem ist die Wüste meine Freundin. Ich spiele mit ihr, sie ist meine Schwester“. Selbstverständlich ist in der Wüste auch die Einsamkeit für sie ein Thema. Anders jedoch als im Alleinsein und Miteinander in der Großstadt, aus der sie kommt. Weniger dramatisch, weniger bedrohlich. „Es ist ja so beglückend und so heilsam, sich im Angesicht der ewigen Dinge in die Einsamkeit zu begeben. Man spürt förmlich, wie einen die Wahrheit überschwemmt“, schrieb der Wüsteneremit Charles de Faucauld darüber. Und auch die Sehnsucht in der Wüste ist eine andere als die, die Jutta Vogel in Deutschland verspürt. Und dann gibt es noch die Menschen in der Sahara, die Tuareg. In ihrer Sprache nennen sie sich „die Freien“. Seit Jahrhunderten leben sie als nomadische Viehhalter in der nordafrikanischen Wüste. Sie kennen keinen Landbesitz, nur Weiderechte und Durchzugsrechte. Sie ziehen mit ihren Kamelen umher, folgen dem Flug des Sandes und haben ein sicheres Gespür für den sparsamen Reichtum, den die Wüste, dieser nahezu unbewohnbare Lebensraum, zu bieten hat. Bevor die europäischen Kolonialmächte in den Jahren 1884/85 auf der Berliner Konferenz Afrika unter sich aufteilten, gab es in dem riesigen Gebiet in der Sahara und im Sahel, das seit Jahrhunderten die Heimat der Tuareg ist, nicht jene heutigen Grenzen der Staaten Algerien, Mali, Niger, Libyen und Burkina Faso, die den „Freien“ seither das Leben schwer machen. Seitdem gab es immer wieder blutige Aufstände der Tuareg, zunächst gegen die Kolonial macht der Franzosen, dann, und das bis heute, gegen die jeweiligen neuen Regierungen. Die Tuareg, die weder eine einheitliche Nation noch eine einheitliche Rasse sind, sind ein stolzes Volk. „Schönheit und Stolz sind in ihren Gesichtern untrennbar miteinander verbunden“, sagt Jutta Vogel. Weitere Merkmale: Das Schimmern der glatten dunklen Haut, die wie Seide erscheint. Die Ruhe und Kraft ihrer Augen. Die würdige Haltung ihrer Körper im Sitzen und im Gehen. Die Grazie ihrer Bewegungen, allein wenn sie Tee eingießen. Die Bescheidenheit und die gleichzeitige Stärke und Strenge ihrer Erscheinung. Zwischen der exotischen Differenz zum deutschen Alltag und einer existentiellen Reduzierung des Lebens auf das Einfachste steht Jutta Vogel den Frauen, Männern und Kindern der Wüste voller Bewunderung und Zärtlichkeit gegenüber. „Mit welcher Gelassenheit sie die Bedingungen ihres Lebens nehmen“, sagt sie. Fast hätte sie „ertragen“ gesagt, aber die Tuareg ertragen das Leben in der Wüste nicht; es ist ihnen selbstverständlich, es ist ihr Element, in dem sie ruhen wie ein Säugling in der Mutterhöhle. Der Gedanke, wie wenig selbstverständlich den Menschen in den modernen Ländern Westeuropas dagegen das Leben in ihren Alltagsumgebungen ist, beschämt Jutta Vogel ein wenig. Jutta Vogel, die noch in den Jahren des zweiten Weltkrieges geboren wurde, ist frappiert darüber, wie schnell die Menschen in Deutschland nach dem Krieg, der halb Europa „verwüstet“ hatte, wieder vergessen haben, was die wichtigen Dinge des Lebens sind. Die einfachen Dinge. Eine Schale Wasser. Der Geschmack von trockenem Brot und Ziegenmilch. Die Süße von ein paar Datteln. Schlichter Baumwollstoff auf der Haut. Die Kraft gebende Nähe der Erde, die täglich mit den Füßen und den Händen gespürt wird. Und die betörende Melancholie stiller, handgemachter Musik wie der Klang der Imzad, der einsaitigen Geige, die bei den Tuareg traditionell von den Frauen gespielt und vom Gesang der Männer begleitet wird. Nach einigen Tagen, in denen Jutta Vogel und ihr Führer allein durch die Wüste ziehen, kommen sie immer mit Menschen zusammen. In kleinen Lagern und in größeren Siedlungen, die manchmal Dörfer, manchmal Städte genannt werden, und nichts mit dem zu tun haben, was man in den Industrieländern Dörfer oder Städte nennt. Die Hütten und Zelte sind einfach, die Baumaterialien Holz, Lehm oder Palmgeflecht, und die Straßen sind aus Sand. Das alles möchte Jutta Vogel beinahe pausenlos fotografieren, weil es in ihren Augen so schön ist und um sich im Nachhinein zu vergewissern, dass es wirklich da war. Die würdevollen Gesichter, die farbkräftigen Kleidungsstücke, die schlichten Alltagsgegenstände, die von Sonne und Wind gezeichneten Mauern, die Karawane, die sich durch die Unendlichkeit des Sandes windet, die im Kreis hockenden Frauen, und der bärtige Alte, der auf der Decke sitzt. Sie fühlt sich sicher zwischen den kleinen Häusern und Zelten und unter diesen Menschen, von denen sie nicht viel weiß und das meiste nicht versteht. Sie will sich nichts vormachen: sie ist und bleibt eine Fremde in der Kultur der Tuareg. Aber das ändert nichts daran, dass Jutta Vogel unter ihnen eine namenlose Vertrautheit verspürt. Eine Vertrautheit in der Fremdheit, so paradox das ist. Das sind Empfindungen, die man nur schwer erklären kann, und noch mehr als mit den Tuareg haben sie mit den Erfahrungen in dem Land und dem Leben zu tun, in dem Jutta Vogel von Kindesbeinen an gelebt hat. „Das Reich des Menschen ist innerlich. So ist auch die Wüste nicht aus Sand gemacht und nicht aus Tuareg und Beduinen“, schrieb der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry. Auch der Dichter Arthur Rimbaud war vor über einhundert Jahren durch die nordafrikanische Wüste gereist, um ein anderer zu werden. Das Erstaunliche ist, dass die Wüste bis heute nichts von ihrer Magie für die Reisenden aus dem Westen Europas eingebüßt hat. „Wer einmal in der Wüste war, trägt sie für immer im Herzen“, meint Jutta Vogel.

Und so war es für sie nur folgerichtig, dass sie eine Stiftung zum „Kulturerhalt in den Wüsten Afrikas“ gründete. Seit dem Jahr 2003 hat sie mit ihrer Jutta Vogel Stiftung mehrere Kulturprojekte im Niger, in Namibia, der algerischen Sahara, im Sudan und in der ägyptisch, sudanesisch, libyschen Ostsahara unterstützt. „Das Bewusstsein für das kulturelle Erbe in den Wüsten Afrikas ist trotz beeindruckender Völkerkundemuseen in Deutschland kaum vorhanden“, weiß Jutta Vogel. So ist die Wüste für sie längst nicht mehr nur der Ort ihrer Sehnsucht, sondern zu einer „Botschaft“ geworden. Nicht zufällig ist eines ihrer liebsten Bücher über die Wüste das von Mano Dayak, dem Führer der Tuareg-Rebellen im Kampf für das Selbstbestimmungsrecht der Tuareg im Niger. Am Ende seiner Autobiografie schrieb er: „Wenn ich von der Höhe meines Felsens die Wüste betrachte, die meinen Vater als Nomaden sah und vor ihm den Vater meines Vaters und alle Väter meiner Tuareg-Brüder, weiß ich, dass wir aus dieser Wüste die notwendige Kraft und Weisheit ziehen werden, um die Welt aufzubauen, die wir für unsere Familien und für unsere Kinder erträumen“. Es ist eine wichtige Erkenntnis, dass die Menschen zutiefst geprägt werden von der Landschaft, die sie bewohnen. Ihre ganze Persönlichkeit modelliert sich nach der Struktur dieser Landschaft, und das gilt nicht nur für die Wüste, sondern für alle Landschaften, auch die künstlich veränderten. Mano Dayak kam in einem vor dem Start explodierenden Flugzeug ums Leben.

Das war 1995, drei Jahre bevor Jutta Vogel zum ersten Mal die Sahara betrat. Seitdem ist sie viele Male dorthin gereist, und in Gedanken ist sie jeden Tag dort gewesen. Und dann schrieb Dayak noch: „Die Wüste, das ist für uns Nomaden eine tiefe und absolute Leidenschaft, das sind Bilder, die uns zu nehmen selbst der Tod niemals vermögen wird. Die Wüste erscheint ihrem Bewohner ewig, und sie schenkt diese Ewigkeit dem Menschen, der sich mit ihr verbunden fühlt“.

Köln-Höhenhaus, im März 2007